Süddeutsche Zeitung - 6.9.2004 - [B0409061]

Nürnberg sucht das richtige Gleis

Der Konflikt, ob Trambahn-Linien aufgegeben werden und die U-Bahn ausgebaut werden soll, belastet Rathausbündnis

Von Peter Schmitt

Nürnberg - Die Zukunft des Öffentlichen Nahverkehrs in Nürnberg sorgt für Zündstoff im Rathaus. Die heiß diskutierten Alternativen liegen zum Greifen nah. Zum einen kündigt sich die erste vollautomatische U-Bahn ohne Fahrer in Deutschland, die rechtzeitig vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Betrieb gehen soll, mit Testfahrten bereits an. Im Gegenzug werden in einer brandneuen Ausstellung in einem städtischen Waggon-Depot die "Straßenbahnen Welt" vorgeführt. Mit Beispielen der globalen Tram-Renaissance aus Metropolen Europas und Amerikas, wo futuristische Stadtbahnen neuerdings das Straßenbild prägen. Die darüber entbrannte Debatte, ob künftig in Nürnberg weiter auf neue U-Bahn-Strecken gesetzt, oder die zum Auslaufmodell erklärte Tram wieder eine Chance erhalten soll, ist mehr als nur politisches Sommertheater.

Tatsächlich könnte es zu einer neuen Kursbestimmung kommen, wenn in zwei Jahren die dritte U-Bahn-Linie mit den führerlosen Geisterzügen ihre vorläufigen Endpunkte erreicht hat. Seit fast 40 Jahren sind sich SPD und CSU im Rathaus einig, Nürnberg ein U-Bahn-Netz zu verpassen und parallel dazu Straßenbahnlinien stillzulegen. Der Dauerkonsens hielt auch in dem nach der Kommunalwahl 2002 geschlossenen Dreierbund mit den Grünen. Die Ökopartei, die stets auf oberirdische Bahnen setzte, musste sich fügen. Nun brachen einige CSU-Stadträte mit harschen Forderungen nach Streckenstilllegungen bei der Trambahn und Fortsetzung des U-Bahn-Baus eine Diskussion vom Zaun, die zu neuen Rathauskonstellationen führen kann. Denn SPD, Grüne und Freie Wähler näherten ihre Positionen zur Stra&azlig;enbahn einander an. Sogar der Bau einer neuen Strecke durch das Herz der Altstadt, die es seit den Kriegsjahren nicht mehr gibt, wird nicht mehr ausgeschlossen.

Der Vorsto6szlig; kommt von FDP und Freien Wählern, die die "exorbitanten Kosten" des U-Bahn-Baus kritisieren und fordern, "die weltweite Renaissance der Straßenbahnen muss auch Auswirkungen auf Nürnberg haben". Die Grünen begrü6szlig;ten es, dass ihre seit Jahren erhobene Forderung nach einer Altstadt-Trambahnlinie Mitstreiter bekommen habe. SPD-Fraktionschef Gebhard Schönfelder stellte einen Bürgerentscheid in Aussicht, falls die CSU an ihrem Plan festhalte, mehrere Linien einzustellen. Der Ausgang einer solchen, Abstimmung wird von allen Parteien gleich beurteilt: Es würde zu einer klaren Mehrheit pro Trambahn kommen. Besonders bei älteren Nürnberger Bürgern löste die Ankündigung aus den Reihen der CSU wahre Entrüstungsstürme in den Leserbriefspalten aus. Der Protest geht bis tief in die Wählerschichten der CSU. Das kann sie Stimmen kosten, auch wenn die nächste Stadtratswahl 2008 noch in weiter Ferne liegt. SPD-OB Ulrich Maly könnte als Trambahnbefürworter von der Stimmung profitieren. Trotzdem hält die CSU an ihrer Forderung fest, vier der sechs Straßenbahnlinien müssten auf Rentabilität im Vergleich zu U-Bahn und Bussen überprüft werden. Das Gutachten soll bis Herbst 2005 vorliegen. Für die SPD steht jedoch höchstens eine Linie zur Diskussion, die Abschnittweise durch die neue U 3 ersetzt werden solle. Sollte die CSU aber größere Löcher in das Schienennetz schneiden wollen, müssten die Bürger befragt werden. Ein so genanntes Ratsbegehren könnte von einer Mehrheit aus SPD, Grünen und freien Stadträten gegen die CSU durchgesetzt werden.

CSU-Fraktionschef Michael Frieser drängt auf ein Ende der in seiner Fraktion losgetretenen Debatte und verlangt von der SPD die Einhaltung des bisherigen Kurses im Rathausbündnis von SPD, CSU und Grünen. Man sei sich in den Spardebatten einig gewesen, wegen der Finanzmisere der Stadt "die Optimierung der ökonomischen Effizienz des ÖPNV-Systems" anzugehen und sich "von defizitären Linien und außerordentlichen Verlustbringern" zu trennen.

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